Detlef Kinslers LIVE-Album

Seit der ersten Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT 1990 ist Detlef Kinsler Musikredakteur unserer Schwesterzeitschrift. Schon davor arbeitete der gebürtige Frankfurter für Stadtmagazine, Tageszeitungen wie die Frankfurter Rundschau (mit eigener Kolumne über die „Szene Frankfurt“) und Musikmagazine wie das Fachblatt und den Musikexpress. Darüber hinaus war er Co-Autor des Lexikons „Rock in Deutschland“ und stellte die Musikedition von Trivial Pursuit zusammen. Er gehörte auch zum Team von „hr1 SchwarzWeiss“ beim Hessischen Rundfunk. Von Anfang an war dabei auch die Kamera ein (fast) ständiger Begleiter. Als „ambitionierter Nebenbeifotograf“ (O-Ton Kinsler) hat er so über die Jahre unzählige Konzerte in Texten und Bildern dokumentiert.

www.detlef-kinsler.de

MUSIK-LEGENDEN

Lou Reed
LOU REED

6.4.1979, Offenbach, Stadthalle
Um einen heftigen Disput zwischen US-Soldaten und Lou Reed zu schlichten, kletterte eine junge Frau aus dem Publikum auf die Bühne, um zu vermitteln. Reed wertete das wohl als Angriff und beförderte die Frau unsanft in den Saal zurück. Dann flogen Stühle, das Konzert wurde abgebrochen. Alle Fotografenkollegen eilten mit ihren Bildern des kaputten Mobiliars in die Redaktionen, um die Bilder noch in die Samstagausgabe zu bekommen. Ich blieb und wollte noch Statements vom Veranstalter einholen. Plötzlich kamen Polizisten in die längst leere Halle. Ihnen lag eine Anzeige vor, sie müssten den Künstler befragen, wo der denn sei? Ich bin mit ihnen backstage gegangen und so konnte ich Reeds Verhaftung exklusiv fotografieren. Auch Oliver Augst war als 17-Jähriger dabei und hat jetzt mit den Freunden von Stereo Total eine Konzert-Performance daraus gemacht, die vom 13.-15.3. im Mousonturm zur Aufführung kommt.
Annie Lennox
Annie Lennox

22.10.1986, Frankfurt, Alte Oper
Mit „Sweet Dreams (Are Made Of This)“, „Who’s That Girl“ und „Here Comes The Rain Again“ hatten die Eurythmics Anfang der Achtziger ihre ersten großen Hits. Die Musik von Dave Stewart und Annie Lennox wurde gerne unter „New Wave“ sortiert, dabei hatte die Pop-Variante des Duos allein dank Lennox‘ markanter Stimme reichlich Soul. Auch ihre androgyne, karottenrote Kurzhaarfrisur wurde als richtig cool empfunden. In Frankfurt gab es zu dieser Zeit bei der Band Sparta Beat mit Steffi eine Sängerin, die auf einen ähnlichen Look setzte. Ob Annie von dieser Verwechslungsgefahr erfahren hatte? Jedenfalls waren ihre Haare bei den beiden Konzerten in der Alten Oper auf platinblond umgefärbt.
GIANNA NANNINI
Gianna Nannini

etwa 1983, Frankfurt
Anfang der Achtzigerjahre organisierte der Konzertpromoter Hansi Hoffmann im Wintergarten des Odeon (heute Le Panther) in der Friedberger Anlage regelmäßige „Meet The Press“-Veranstaltungen für die regionalen Medien. In lässiger Atmosphäre konnte man da Rising Stars à la Nena und Markus sowie Altmeister wie Udo Jürgens zum lockeren Talk treffen. Auch Gianna Nannini kam in die Jugendstil-Villa. 1980 hatte die Italienerin – nach der Single „America“ als Vorboten – ihr Album „California“ veröffentlicht. Auf dem Cover die Freiheitstatue mit Dildo statt Fackel. Im Text sang sie zudem über Selbstbefriedigung. Sie begriff das als „Grenzüberschreitung“ und löste damals einen Skandal aus. Gianna selber sah es ganz entspannt. Beim Interview darauf angesprochen, schlüpfte sie gleich selbst in die Rolle der Lady Liberty, siehe Bild.
David Coverdale
DAVID COVERDALE

1981, Offenbach
Nach seinem Intermezzo bei Deep Purple (1973-1976) gründete David Coverdale seine eigenen Band Whitesnake mit der er auch regelmäßig durch Deutschland tourte. Mehrfach war er auch in der Stadthalle Offenbach zu sehen, so im April 1981. Irgendwann im Verlauf des Konzertes fiel Gitarrist Micky Moody ein Junge auf den Schultern seines Vaters in der ersten Reihe auf, der mit seinem Luftgitarren-Spiel die Posen seiner Hard Rock-Helden trefflich imitierte. Prompt holte er den Fan – Viktor hieß er wohl – auf die Bühne und stellte ihn vor sich auf die Bühne. Coverdale, ansonsten damit beschäftigt, mit seinem Mikrofonstativ den Macho zu geben, blieb das nicht verborgen und so schulterte er den stolzen Buben für das schönste und entspannteste Foto des ganzen Abends. Es war auch das letzte, schließlich benutzte man damals noch Filme und die erlaubten nur 36 Aufnahmen.
Rio Reiser
Rio Reiser

1986, Ffm-Heddernheim
Als überraschend die Frage im Raum stand, willst du eine Fotosession mit Rio Reiser machen, gab es kein Zögern. Na klar – die Ton Steine Scherben-Legende vor die Kamera zu bekommen, war natürlich ein tolles Angebot. Gerade war mit „Rio I“ das erste Soloalbum erschienen, darauf Songs und spätere Klassiker wie „König von Deutschland“, „Junimond“ und auch „Alles Lüge“. Der letztgenannte Song inspirierte dann den Hintergrund fürs Shooting, zu dem in meiner Wohnung neben Rio noch sein Manager George Glück, ein Visagist und jemand von der Plattenfirma aufschlugen. Die BILD-Zeitung und auch die Abendpost/Nachtausgabe am Sonntag, die es da noch gab, mussten mit ihren absurden Headlines herhalten. Damals sprach übrigens noch niemand von Fake News.
Bette Midler
Bette Midler

1978, Jahrhunderthalle
„Eigentlich sollte ich ja erst in Offenbach auftreten, aber dann hat mir jemand gesagt, das Beste an der Stadt sei die Straße nach Frankfurt. Jetzt bin ich also hier in der Jahrhunderthalle. Es ist toll hier. Ich finde die Initiative des Unternehmens bewundernswert. Nur verstehe ich die Logik nicht: Auf der einen Seite der Straße laufen die Leute Gefahr, vergiftet zu werden, auf der anderen bietet man ihnen Unterhaltung an“, überraschte US-Star Bette Midler („The Rose“) beim Auftritt 1978 das Publikum bestens informiert mit Insiderwissen. Der Vorstand der Hoechst AG war über diese Boshaftigkeit not amused.