Detlef Kinslers LIVE-Album

Seit der ersten Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT 1990 ist Detlef Kinsler Musikredakteur unserer Schwesterzeitschrift. Schon davor arbeitete der gebürtige Frankfurter für Stadtmagazine, Tageszeitungen wie die Frankfurter Rundschau (mit eigener Kolumne über die „Szene Frankfurt“) und Musikmagazine wie das Fachblatt und den Musikexpress. Darüber hinaus war er Co-Autor des Lexikons „Rock in Deutschland“ und stellte die Musikedition von Trivial Pursuit zusammen. Er gehörte auch zum Team von „hr1 SchwarzWeiss“ beim Hessischen Rundfunk. Von Anfang an war dabei auch die Kamera ein (fast) ständiger Begleiter. Als „ambitionierter Nebenbeifotograf“ (O-Ton Kinsler) hat er so über die Jahre unzählige Konzerte in Texten und Bildern dokumentiert.

www.detlef-kinsler.de

MUSIK-LEGENDEN

Patti Smith
Patti Smith

9.8.2016, Frankfurt, Palmengarten

Patti Smith wäre beinahe zu spät zu ihrem eigenen Auftritt beim „Summer in the City“ gekommen. „Ich bin durch den wunderschönen Garten geschlendert. Denn ich liebe Schwäne“, ließ die Sängerin und Autorin ihr Publikum beim ausverkaufen Konzert im Musikpavillon wissen. Während ihre Fans sie als Punk-Ikone verehren und andächtig jedes Wort von ihr aufsaugen, menschelte es bei der damals 69-Jährigen. Da gab es dann auch so manch überraschende Ansage wie: „Das nächste Lied widme ich dem Wiener Schnitzel, das ich vorhin gegessen habe.“ Aber selbst solch profane Aussagen klangen aus dem Mund der New Yorkerin wie Poesie. Ansonsten gab es Evergreens wie „Because The Night“ und „Gloria“ zum Finale, davor überraschende Covers wie Prince’ „When Doves Cry“. Ein echtes Erlebnis!

Thin Lizzy
Thin Lizzy

22.11.1973, Frankfurt, Zoom

Es war the place to play in den frühen Siebzigerjahren. Das Original-Zoom mit Eingang in der Stiftstraße. Hier spielten sie alle, die angesagt oder kurz vor dem Durchbruch waren. Selbst Genesis hatten ihren ersten Deutschland-Auftritt nicht etwa in München, Hamburg oder Berlin, sondern in Frankfurt und im Zoom. Auch die Iren von Thin Lizzy standen noch in ihrer Ur-Besetzung mit v.l.n.r. Brian Downey (Schlagzeug), Phil Lynott (Bass, Gesang) und Eric Bell (Gitarre) auf dem Programm. Es war die „Vagabonds Of The Western World“-Tour, die letzte als Trio. 1979 zog der Sinkkasten in die Räume ein. Als der Ende 2011 wegen Insolvenz schließen musste, feierte das Zoom seine Wiedergeburt. Unter den vielen, die ich mit der Bitte um eine Grußbotschaft an die neuen Betreiber anschrieb, war auch Eric Bell. Er konnte sich wie alle sehr gut an den Club erinnern. Denn der war tatsächlich besonders.

Dexys Midnight Runners
Dexys Midnight Runners

4.11.1982, Frankfurt, Volksbildungsheim

1978 in Birmingham gegründet, veröffentlichten die Dexys Midnights Runners um Sänger Kevin Rowland zwei Jahre später das viel beachtete Album „Searching For The Young Soul Rebels“ und hatten daheim auf der Insel mit „Geno“ gleich einen Nummer 1-Hit. In schwarzen Lederjacken und mit Strickkäppis gaben die Jungs die Soulrebellen und waren mit Bläsersatz on the road. Auf dem zweiten Album „Too-Rye-Ay“ überraschten die Dexys dann mit Streichersound und keltischen Folkmotiven sowie einem krassen Imagewechsel. Mit „Come On Eileen“ konnten sie – diesmal auch in den USA – einen weiteren Riesenhit landen. Als sich im Volksbildungsheim die Möglichkeit bot, vorm Konzert schnell ein paar Bilder von Rowland zu machen, fiel mir der Adler im zweiten Stock als Motiv ein. Das fühlte sich irgendwie folkig an. Was wir zunächst gar nicht merkten: Die 1953 passte bestens ins Bild, denn das ist das Geburtsjahr des Bandleaders.

Sting
Sting

26.11.1985, Frankfurt, Festhalle

Mit dem Anfang Juni 1985 veröffentlichten Album „The Dream Of The Blue Turtles“ startete Sting seine erfolgreiche Solokarriere und ging – obwohl The Police noch nicht aufgelöst waren – gleich ohne Andy Summer und Stewart Copeland auf Tournee. In Frankfurt spielte er in der ausverkauften Festhalle mit einer hochkarätig besetzten Band aus renommierten Jazz-Solisten, darunter Omar Hakim, Kenny Kirkland und Saxofonist Branford Marsalis. Im cremefarbigen Nadelstreifen-Anzug überraschte Sting mit wilder, vom Ventilator verwehter Mähne und sah dabei ein wenig verwegen aus. Mit dieser Optik wäre er glatt als kleiner Bruder von Klaus Kinski durchgegangen. Zur Überraschung der Fotografen im Graben vor der Bühne beugte er sich während einer Instrumental-Passage zu ihnen herunter, ihn quäle ein heftiger Kopfschmerz und ob denn nicht einer eine Schmerztablette für ihn habe.

The Master Musicians of Jajouka
The Master Musicians of Jajouka

23.4.2017, Frankfurt, Brotfabrik

The Rolling Stones geben auch nach dem Tod von Schlagzeuger Charlie Watts unermüdlich Konzerte und kommen auf ihrer „The Sixty Tour“ im Juli auch noch mal nach Deutschland. Ob bei all dem Hype um Mick Jagger und Keith Richards (beide 78) noch jemand im Publikum an den schon 1969 verstorbenen Brian Jones, den wahren Kopf der Band, denkt? Jones war ein Jahr zuvor im Bergdorf Jajouka im Rif, um bei einem Fest die jahrhundertealte Musik der Master Musicians aufzunehmen. Die Platte hat nach wie vor Kultstatus. Bachir Attar (hier im Bild), der das Ensemble seit langem leitet und die Tradition am Leben hält, war vier Jahre alt, als Brian Jones zu Gast in Marokko war. Als der alles durchdringende Klang des Blasinstrumentes Ghaita an diesem Sonntagabend die Brotfabrik erfüllte, wurden Erinnerungen wach, wie ich damit als Jugendlicher meinen Nachbarn den letzten Nerv rauben konnte. Wenn ich damals schon geahnt hätte, dass ich da Weltmusik hörte …

Eberhard Schoener
Eberhard Schoener

Trance-Formation – Laser In Concert 23.5.1978, Offenbach, Stadthalle

Nachdem Andy Summers 1977 die Gitarre für das „Trance-Formation“-Album eingespielt hatte, brachte er für die nächste Produktion und die geplanten Tourneen seine Bandkumpels Sting und Stewart Copeland bei Eberhard Schoener ins Gespräch. Schoener verliebte sich sofort in Stings „moderne Opern-Stimme“. Als sie in Offenbach gemeinsam auf der Bühne standen – das Bild, darauf auch Saxofonist Olaf Kübler, entstand Backstage in der Stadthalle – war „Outlandos d’Amour“, das Debüt von The Police, noch gar nicht erschienen. Am 17.1.1979 dann in der Jahrhunderthalle durfte das Trio vorneweg schon drei eigene Stücke spielen. Wild und ungestüm vor einem eher esoterisch angehauchten Publikum. Mit dabei eine große Abordnung von CBS Schallplatten, dem deutschen Vertriebspartner von The Police. Deren Reaktion auf meinen Kommentar, gerade die Zukunft des Rock’n’Roll gesehen zu haben, war indes – freundlich ausgedrückt – sehr verhalten. Was folgte ist Geschichte.

The Bangles
The Bangles

15.2.1986, Batschkapp

Mit „Manic Monday“ hatten The Bangles 1986 in ihrer amerikanischen Heimat, in Großbritannien, Österreich und auch bei uns in Deutschland einen Nr.2-Singlehit. Prince hatte der All-Girl-Band das Lied geschrieben, das sie natürlich auch bei ihrem Auftritt in der Batschkapp spielten. Nach dem Soundcheck trafen wir uns zum Interview und machten auch ein paar Bilder im Wintergarten des Clubs. Da wollten die „Kapp“-Aufbauhelfer und Securities an diesem frühen Samstagabend eigentlich ungestört die „Sportschau“ sehen (wer genau hinsieht entdeckt, dass gerade Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder interviewt wird). Plötzlich gab es auch Unruhe bei den Musikerinnen, denn ihr Manager hatte sich angesagt. Und da schneite kein Geringerer als Miles Copeland plötzlich herein, der auch für die Karriere von The Police verantwortlich zeichnete.

Rory Gallagher
Rory Gallagher

1976 oder 1978, Jahrhunderthalle oder Stadthalle Offenbach

Vor der Pandemie sah man die Band of Friends unter dem Motto „Celebrating Rory’s 25th Anniversary“ im Nachtleben. Vor 27 Jahren ist der geniale irische Blues-Gitarrist im Alter von 47 Jahren nach einer Lebertransplantation verstorben. Zwanzig Jahre spielte Gerry McAvoy Bass in Gallaghers Band. Mit Schlagzeuger Brendan O’Neal hatte er einen weiteren alten Mitstreiter dabei. Zu seiner Überraschung hatte ich ein paar Bilder für ihn, alte Schnappschüsse von der Kodak Instamatic (wer erinnert sich nicht an den Würfelblitz für vier Aufnahmen?!), nachmittags noch eingescannt und bei Rossmann ausgedruckt. Backstage in der Jahrhunderthalle, in trauter Runde am Off day Tags darauf im Continental Hotel am Hauptbahnhof, abends an der Bar des Ur-Zooms beim Besuch des Wild Turkey-Konzertes mit Ex-Jethro Tull-Bassist Glenn Cornick. Mit dabei auch Rorys Bruder Donal. Eine schöne Erinnerung.

Suzi Quatro
Suzi Quatro

6.3.1974, Frankfurt-Bornheim, EMI-Promotionbüro

Noch beim „W-Festival“ ließ sich Suzi Quatro (71) im Mai 2019 von ihren Fans in der Alten Oper feiern. Ein Hauch von Glam Rock wehte mit den Hits „Can The Can“ und „48 Crash“ durch die heiligen Hallen. Bevor Quatro am 6. März 1974 die Stadthalle Offenbach rockte, war sie noch für ein Meet & Greet mit der hiesigen Journaille im Frankfurter EMI-Büro in Bornheim verabredet. Alle warteten auf den Star als die Promoterin meinte, Suzi weile doch schon eine geraume Weile unter uns. Sie hatte sich einfach schüchtern hinter ihrem damaligen Boyfriend und Gitarristen Len Tuckey – doppelt so breit und hoch wie sie – versteckt und wurde so in ihrer ganzen Zartheit zunächst gar nicht wahrgenommen.

Lou Reed
LOU REED

6.4.1979, Offenbach, Stadthalle
Um einen heftigen Disput zwischen US-Soldaten und Lou Reed zu schlichten, kletterte eine junge Frau aus dem Publikum auf die Bühne, um zu vermitteln. Reed wertete das wohl als Angriff und beförderte die Frau unsanft in den Saal zurück. Dann flogen Stühle, das Konzert wurde abgebrochen. Alle Fotografenkollegen eilten mit ihren Bildern des kaputten Mobiliars in die Redaktionen, um die Bilder noch in die Samstagausgabe zu bekommen. Ich blieb und wollte noch Statements vom Veranstalter einholen. Plötzlich kamen Polizisten in die längst leere Halle. Ihnen lag eine Anzeige vor, sie müssten den Künstler befragen, wo der denn sei? Ich bin mit ihnen backstage gegangen und so konnte ich Reeds Verhaftung exklusiv fotografieren. Auch Oliver Augst war als 17-Jähriger dabei und hat jetzt mit den Freunden von Stereo Total eine Konzert-Performance daraus gemacht, die vom 13.-15.3. im Mousonturm zur Aufführung kommt.
Annie Lennox
Annie Lennox

22.10.1986, Frankfurt, Alte Oper
Mit „Sweet Dreams (Are Made Of This)“, „Who’s That Girl“ und „Here Comes The Rain Again“ hatten die Eurythmics Anfang der Achtziger ihre ersten großen Hits. Die Musik von Dave Stewart und Annie Lennox wurde gerne unter „New Wave“ sortiert, dabei hatte die Pop-Variante des Duos allein dank Lennox‘ markanter Stimme reichlich Soul. Auch ihre androgyne, karottenrote Kurzhaarfrisur wurde als richtig cool empfunden. In Frankfurt gab es zu dieser Zeit bei der Band Sparta Beat mit Steffi eine Sängerin, die auf einen ähnlichen Look setzte. Ob Annie von dieser Verwechslungsgefahr erfahren hatte? Jedenfalls waren ihre Haare bei den beiden Konzerten in der Alten Oper auf platinblond umgefärbt.
GIANNA NANNINI
Gianna Nannini

etwa 1983, Frankfurt
Anfang der Achtzigerjahre organisierte der Konzertpromoter Hansi Hoffmann im Wintergarten des Odeon (heute Le Panther) in der Friedberger Anlage regelmäßige „Meet The Press“-Veranstaltungen für die regionalen Medien. In lässiger Atmosphäre konnte man da Rising Stars à la Nena und Markus sowie Altmeister wie Udo Jürgens zum lockeren Talk treffen. Auch Gianna Nannini kam in die Jugendstil-Villa. 1980 hatte die Italienerin – nach der Single „America“ als Vorboten – ihr Album „California“ veröffentlicht. Auf dem Cover die Freiheitstatue mit Dildo statt Fackel. Im Text sang sie zudem über Selbstbefriedigung. Sie begriff das als „Grenzüberschreitung“ und löste damals einen Skandal aus. Gianna selber sah es ganz entspannt. Beim Interview darauf angesprochen, schlüpfte sie gleich selbst in die Rolle der Lady Liberty, siehe Bild.
David Coverdale
DAVID COVERDALE

1981, Offenbach
Nach seinem Intermezzo bei Deep Purple (1973-1976) gründete David Coverdale seine eigenen Band Whitesnake mit der er auch regelmäßig durch Deutschland tourte. Mehrfach war er auch in der Stadthalle Offenbach zu sehen, so im April 1981. Irgendwann im Verlauf des Konzertes fiel Gitarrist Micky Moody ein Junge auf den Schultern seines Vaters in der ersten Reihe auf, der mit seinem Luftgitarren-Spiel die Posen seiner Hard Rock-Helden trefflich imitierte. Prompt holte er den Fan – Viktor hieß er wohl – auf die Bühne und stellte ihn vor sich auf die Bühne. Coverdale, ansonsten damit beschäftigt, mit seinem Mikrofonstativ den Macho zu geben, blieb das nicht verborgen und so schulterte er den stolzen Buben für das schönste und entspannteste Foto des ganzen Abends. Es war auch das letzte, schließlich benutzte man damals noch Filme und die erlaubten nur 36 Aufnahmen.
Rio Reiser
Rio Reiser

1986, Ffm-Heddernheim
Als überraschend die Frage im Raum stand, willst du eine Fotosession mit Rio Reiser machen, gab es kein Zögern. Na klar – die Ton Steine Scherben-Legende vor die Kamera zu bekommen, war natürlich ein tolles Angebot. Gerade war mit „Rio I“ das erste Soloalbum erschienen, darauf Songs und spätere Klassiker wie „König von Deutschland“, „Junimond“ und auch „Alles Lüge“. Der letztgenannte Song inspirierte dann den Hintergrund fürs Shooting, zu dem in meiner Wohnung neben Rio noch sein Manager George Glück, ein Visagist und jemand von der Plattenfirma aufschlugen. Die BILD-Zeitung und auch die Abendpost/Nachtausgabe am Sonntag, die es da noch gab, mussten mit ihren absurden Headlines herhalten. Damals sprach übrigens noch niemand von Fake News.
Bette Midler
Bette Midler

1978, Jahrhunderthalle
„Eigentlich sollte ich ja erst in Offenbach auftreten, aber dann hat mir jemand gesagt, das Beste an der Stadt sei die Straße nach Frankfurt. Jetzt bin ich also hier in der Jahrhunderthalle. Es ist toll hier. Ich finde die Initiative des Unternehmens bewundernswert. Nur verstehe ich die Logik nicht: Auf der einen Seite der Straße laufen die Leute Gefahr, vergiftet zu werden, auf der anderen bietet man ihnen Unterhaltung an“, überraschte US-Star Bette Midler („The Rose“) beim Auftritt 1978 das Publikum bestens informiert mit Insiderwissen. Der Vorstand der Hoechst AG war über diese Boshaftigkeit not amused.